Heterogene Ästhetiken

Der Lehr- und Forschungsbereich Kulturtheorie und Kulturwissenschaftliche Ästhetik an der Humboldt-Universität zu Berlin ist in der deutschsprachigen Universitätslandschaft singulär. Zwar knüpft der Titel an die im 18. Jahrhundert gestiftete philosophische Disziplin der Ästhetik an, die in ihrer Kantischen Ausprägung mit dem Anspruch verknüpft war, dem Schönen und der Kunst ein freies und autonomes Feld zu verschaffen. Mit der kulturwissenschaftlichen Perspektive werden jedoch andere, namentlich politische Zugänge zu ästhetischen Fragestellungen im Zeichen einer heterogenen Ästhetik eröffnet.

Dazu gehören kolonialhistorische Kontextualisierungen der klassischen Texte der Ästhetik sowie Fragen der kolonialen Kultivierung des Geschmacks. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit der »Aufteilung des Sinnlichen« (Rancière), des Sicht- und Sagbaren, zumal mit der rassistischen Ausgrenzung ästhetischer Vermögen und Praktiken. Damit ist ferner die Untersuchung der von der klassischen Ästhetik verworfenen Perspektiven verbunden: Die aisthesis im Wortsinn von Empfindung und Wahrnehmung, die körperlich-sinnliche Dimension ästhetischer Affizierungen, Berührungen und Gefühle, einschließlich der »ugly feelings« (Ngai) und des »Gebrauchs der Lüste« (Foucault); vor allem von Künsten, Verfahren, Medien, Praktiken und Akteur:innen Schwarzer, migrantischer, queerer, kindlicher und ›primitiver‹ Ästhetik, die zu den gegenwärtigen und historischen »Mutationen des sinnlichen Gewebes« (Rancière) beitragen. Außerdem handelt es sich darum, die Bedeutung des Ästhetischen für die Ausübung von Macht und Gewalt im organisierten Maßstab zu untersuchen, insbesondere von pornografischer, sexueller und sadistischer Gewalt. Denn keine Machtformation und Gewaltorganisation ist ästhetisch abstinent. Und nicht zuletzt geht es um ästhetische Artikulationsformen und aisthetische Praktiken des Politischen, um verkörperte Formen von Widerständigkeit, von widerstrebenden Affekten und konkreten body politics.

Performing Sexual Consent

Unhinterfragt erscheint die Notwendigkeit sexueller Aufklärung; ihre durch ästhetische Verfahren präfigurierten und phantasmatisch aufgeladenen Inhalte und Umsetzungen sind jedoch kontingent. Die scheinbar ›natürlichste Sache der Welt‹ entpuppt sich als Knotenpunkt hochpolitischer und ethischer Fragestellungen.

Verhaltenswissen

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hat sich das ‚Verhalten‘ als selbstverständlicher Topos in anthropologische Diskurse jedweder Disziplin eingeschrieben, von der Philosophie, Biologie, Soziologie bis zur Ethnologie und Ökonomie. Konzepte des Verhaltens dienen dabei vielfach als Werkzeug einer Zukunftsprognose und Gefahrenvorsorge.